Sehr geehrte Damen und Herren,

unter einem Relais versteht man im Deutschen ein elektromagnetisches Bauteil mit einer Drahtspule, das wie ein Schalter funktioniert. Ein Relais verbindet zwei Stromkreise, mit Hilfe mehrerer Relais_ lassen sich zum Beispiel mehrere Starkstromkreise gefahrlos durch einen einzigen Stromkreis mit geringer Spannung an- und abschalten. In der Mitte des 19. Jahrhunderts spielte das Relais bei der Entwicklung der Telegrafie eine wichtige Rolle: Es ermöglichte die Übergabe eines Signals von Stromkreis zu Stromkreis und damit den sicheren Transport über eine lange Kette von Telegrafenstationen.

Bis zu diesem Zeitpunkt verstand man unter einem Relais vor allem eine Postkutschenstation, wo die Kutscher ihre müden Pferde durch frische austauschen konnten. Im Französischen ist diese Vorstellung von einem Relais immer noch lebendig: „le relais quatre fois cent métres“ heißt die 400-Meter-Staffel, „relais“ kann man mit Staffel oder Staffellauf übersetzen. An einem Relais findet also eine Übergabe von etwas statt, dabei gewinnt das, was übergeben wird, neue Kraft. Im Französischen wird die Wendung „passer le relais a quelqu_un“ im Zusammenhang mit der Übergabe eines Amtes, einer Arbeit oder auch des Wortes an eine bestimmte Person gebraucht. Relais kann aber auch „Ruheplatz“ bedeuten.

Ob diese etymologischen Spitzfindigkeiten den anwesenden Mitarbeitern des Büros relais Landschaftsarchitekten gefallen, weiß ich nicht. Sie haben mir das Wort übergeben, ohne mir zu sagen, welche Signale ich hier aussenden soll. Wie ihr Relais funktioniert, davon gibt die Ausstellung einen Eindruck, die wir heute abend eröffnen. Sie erzählt Ihnen eine Geschichte. Es geht um die Entstehung eines Gartenkunstwerks, das noch gar nicht vollendet und dem Publikum übergeben worden ist. Die Eröffnung ist für End April geplant. Wir wissen also noch einmal sicher, ob diese Geschichte ein Happyend haben wird.

Es war eine sehr bewusste Entscheidung des von Marianne Mommsen und Gero Heck gegründeten Planungsbüros, ihnen nichts Fixundfertiges zu präsentieren oder gar eine Leistungsschau. Denkbar wäre sicher auch eine Präsentation der Gestaltung des Berliner Schlossplatzes für die Zeit bis zum Baubeginn des Humboldt-Forums gewesen, ein von der Bevölkerung spontan angenommenes Projekt. Statt dessen können Sie hier in dieser Ausstellung den mehrjährigen Gestaltungsprozeß verfolgen, der zwischen einer äußerst vage formulierten Idee und der Realisierung eines Themengartens liegt.

Nun ist die Genese eines Gartens ein Vorgang, der sofort an die Genesis der von Menschen bewohnten Welt denken lässt, so wie sie das 1. Buch Mose erzählt: „Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Morgen und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es ging aus von Eden ein Strom, zu wässern den Garten, und teilte sich von da in vier Hauptwasser.“

So sieht das Paradies aus, in dem Adam und Eva sich erkennen lernen und aus dem sie vom Schöpfer vertrieben werden, als sie gegen die Gartenordnung verstoßen. Seither versuchen die Menschen das verlorene Paradies in mühselig selbst geschaffenen Gärten wiederzufinden. Das ist eine Basiserzählung der christlich-jüdischen Kultur, seit Jahrtausenden wird sie immer weiter erzählt und gehört zu den ganz wenigen unerschütterlichen Fundamenten unserer Zivilisation.

Der Mythos vom Paradiesgarten verbindet das Christentum mit dem Islam - das arabische Wort für Garten (Al-Dschanna) bezeichnet im Koran das Paradies. Der christliche Garten in Berlin-Marzahn, von dessen Entstehungsprozeß diese Ausstellung berichtet, ist das jüngere Geschwisterkind eines orientalischen Gartens, der 2005 nur ein paar Schritte entfernt eröffnet wurde und sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt hat. Beider Verwandtschaft ist unübersehbar: Sie haben beide einen rechteckigen, durch eine hohe Mauer umfriedeten Grundriss, die bepflanzte Mitte ist durch ein Wegekreuz in vier gleiche Teile geteilt, dort sprudelt ein Brunnen wie im biblischen Paradies. Im Orientalischen Garten verläuft an den Innenseiten der Außenmauern, die teilweise zu Arkadengängen ausgebildet sind, ein kalligraphisches Schriftband, im nicht ganz so farbenfrohen christlichen Garten umschließt ein Wandelgang aus Buchstaben den Innenhof. Diese Ähnlichkeiten ergeben sich aus einer tiefen Übereinstimmung der Erzählungen vom Ursprung einer bewohnbaren Welt, die beiden Weltreligionen zugrunde liegen; sie spiegeln das hohe Ansehen der Schrift im Orient und Okzident.

Die geschwisterliche Ähnlichkeit dieser Gärten wird den Besuchern ins Auge springen, auch deswegen, weil der christliche und der orientalische Garten zu einem Kranz von Themengärten gehören, die auf ganz verschiedene Art und Weise exotisch wirken. Lassen Sie mich deshalb der Erzählung dieser Ausstellung eine kurze Erzählung über die Entstehung dieser Gartenlandschaft anflechten. Von Stuttgart aus muss es sehr merkwürdig erscheinen, dass ausgerechnet die Berliner jetzt anfangen, christliche Gärten zu eröffnen - und zwar nicht von einer Kirchenleitung zwecks Missionierung der heidnischen Bevölkerungsmehrheit finanziert, sondern von der Allianz Umweltstiftung für einen Erholungspark am östlichen Stadtrand in Auftrag gegeben.

Die Geschichte beginnt am Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Berliner ihr Flachland endlich mit richtigen Bergen schmücken konnten, nämlich mit mehreren Trümmerbergen aus dem Schutt der zerbombten Innenstadt. Einer dieser Berge ist der Kienberg, auch „Marzahner Kippe“ genannt. In den 1970er Jahren, als die DDR nahebei eine Trabantenstadt für 165.000 Menschen aus dem Boden stampfte, ist diese Kippe weiter gewachsen, auf eine stattliche Höhe von 102 Metern. Der christliche Garten bildet eine Art Lichtung am Fuße dieses inzwischen weitgehend bewaldeten Trümmer- und Schuttberges. Die Planer der Trabantenstadt Marzahn wollten ihre Plattenhochhäuser mit großzügigen Grünanlagen umgeben, doch als die ersten Mieter einzogen, passierte vor ihren Haustüren erst einmal gar nichts. Deshalb griffen die Leute sehr bald selber zu Rechen und Spaten, mit der Folge, dass heute eine eigentümlich planlose Vegetation aus Rasenhügeln, Hecken und Obstbäumen um die Wohnblocks wuchert, in der Ortsfremde leicht die Orientierung verlieren. Mitten im sozialistischen Hochhausparadies wurde das märkische Angerdorf Marzahn konserviert: mit Kopfsteinpflaster, Dorfkirche, Bockwindmühle und einem Bauernhof. Hühner gackern, auf Koppeln weiden Esel, Schafe und Pferde gleich neben der Allee der Kosmonauten. Dort pflanzten Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, und sein sowjetischer Bordkommandant im September 1978 die ersten Bäume.

Zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 fand am Fuß des Kienbergs eine „Berliner Gartenschau“ statt, das war die Antwort der „Hauptstadt der DDR“ auf die Bundesgartenschau in Westberlin zwei Jahre zuvor. Nach der Wiedervereinigung wurde daraus der „Erholungspark Marzahn“. Damals, in den Neunzigern, trat der Filmproduzent Manfred Durniok auf den Plan (der Name wird den meisten unter den Anwesenden wenig sagen, aber Durniok ist mit seinen 400 Film- und Fernsehproduktionen ähnlich erfolgreich gewesen wie der kürzlich verstorbene Bernd Eichinger und hat - anders als jener - mit seiner Verfilmung von Klaus Manns „Mephisto“ sogar einen „Oscar“ geholt). Dieser Liebhaber Chinas und seiner Gärten wurde vom Berliner Senat zum Beauftragten für die Pflege der Städtepartnerschaft mit Peking ernannt. Durniok hatte einen Traum: Berlin sollte eine chinesischen Garten bekommen, den größten in Europa, von chinesischen Experten geplant und gebaut. Am 15. Oktober 2000 ist dieser Garten im Erholungspark Marzahn eröffnet worden, seine Name „Der Garten des wiedergewonnenen Mondes“ spielt auf die Wiedervereinigung Berlins an. Der Garten mit seinen unebenen Wegen, Ruheplätzen, Wasserfall, Teichen, Teehaus und Pavillons ist eine für Europäer kaum zu entschlüsselnde Textur, jede Pflanze, jedes Detail hat darin eine symbolische Bedeutung, die wir uns erst erarbeiten müssen wie eine fremde Sprache. An wichtigen Wegmarken sind Schriftzeichen angebracht, die wir uns erst übersetzen lassen müssen. Alle Inschriften beziehen sich irgendwie auf den Mond, passend zum Namen des Gartens, so ist der achteckige „Pavillon, der den Mond einlädt“ eine Anspielung auf ein Gedicht des Dichters Li Bai über ein Gelage im Mondschein.

Die Resonanz auf diesen Garten war so stark, dass andere Partnerstädte Berlins dem Beispiel Peking folgten: Als Zeichen der Verbundenheit mit Tokio entwarf der japanische Gartengestalter und Zen-Priester Shunmyo Masuno den „Garten des zusammenfließenden Wassers“. Jakarta schenkte den balinesischen „Garten der drei Harmonien“ in einem Tropenhaus, die Stadt Seoul errichtete in einem koreanischen Garten eine Replik der Klaus des Gelehrten Eon Jeok Lee (das ist ungefähr so, als würden Sie Goethes Gartenhaus in Weimar im Maßstab 1:1 in Seoul aufbauen). Seit 2008 gibt es auch einen italienischen Renaissancegarten, außerdem den aus DDR-Zeiten stammenden Karl-Foerster-Staudengarten und eben den schon erwähnten Orientalischen Garten. Damit haben Sie einen Eindruck von dem hochkomplexen räumlichen und kulturellen Kontext, in dem sich das hier in der Ausstellung vorgestellte Gartenprojekt behaupten muss. Es hat für die „Gärten der Welt“ nie einen Masterplan gegeben, das ganze Ensemble ist eine Collage, ein Patchwork, in dem plötzlich die Frage auftauchte: Wo bleibt den zwischen all den Weltreligionen und Weltkulturen, die hier durch ihre Gärten vertreten sind, das Christentum? Und so ist die Idee entstanden, einen Wettbewerb auszuschreiben für etwas, was es so noch nie gegeben hat. Es gab Klostergärten, es gibt natürlich Gartenanlagen in der Umgebung von Kirchen, aber ein christlicher Garten als Teil eines postmodernen Themenparks, das ist schon sehr neue, sehr zeitgenössische Gestaltungsaufgabe. Wie sich das Büro aus der Affäre gezogen hat, davon können Sie sich selber ein Bild machen, ich will das gar nicht erschöpfend interpretieren, weil ich weder Landschaftplaner noch Theologe bin, sondern bekennender Feuilletonist. Lassen Sie mich zum Ende nur auf ein paar Aspekte des Entwurfs hinweisen, die mir aufgefallen sind und über die man sicher streiten kann - vielleicht sogar soll.

Die Vorgeschichte, die ich Ihnen so ausführlich erzählt habe, ist eine Geschichte von landschaftsplanerischer Anarchie. Sie hat etwas ganz Großartiges hervorgebracht. Ich kann mir vorstellen, dass man diese einzigartige Gartenlandschaft von Marzahn mit historischem Abstand genauso unter Denkmalschutz stellt wie das Weltkulturerbe in Potsdam oder neulich die Siedlungen der 20er Jahre in Berlin. Die Gärten der Welt sind - jede für sich betrachtet - Pretiosen und als Ensemble ein Zeitdokument. In dieser Umgebung behauptet sich der christliche Garten mit einem klaren Formbewusstsein, strenger Geometrie im Grundriss und Aufriss, einem klösterlichen In-Sich-Gekehrtsein. Diese Strenge wird aufgelockert und gebrochen, etwa durch die Verschiebung des Brunnens aus der Mitte heraus und sicher durch die Bepflanzung, die keinem geometrischen Schema folgt. Grundriss und Bepflanzung verweisen auf die Tradition von Klostergärten, das heißt: die Architektur und weiß blühenden Pflanzen werden als Zeichensysteme aufgefasst, die etwas über christliche Spiritualität mitteilen.

Gleichzeitig wird jede Symbolik ausgespart, die den Raum als Sakralraum auszeichnen könnte. Zum Zeichensystem der Gartenarchitektur und der Pflanzen tritt ein drittes, ein Wandelgang aus Buchstaben, der geschickt mit den anderen beiden Zeichensystemen verbunden ist. Man kann ihn auch als Architektur begreifen. Die Wörter und Buchstaben ranken sich empor wie Pflanzen an einer Pergola. Es sieht so aus, als hätten die Planer alle drei Zeichensysteme in ein ansprechendes Gleichgewicht gebracht.

Die Beschriftung von Gärten ist überhaupt nichts Originelles, aber sie wird hier radikalisiert: Die Texte stehen nicht irgendwo drauf, sondern bilden eine sich selbst tragende Architektur oder Skulptur, bei strahlender Sonne werden sie funkeln und Teppiche aus Licht und Schatten weben. Und sie werden dazu verführen, in dieser mehrsprachigen Textcollage zu lesen.

„Das Wort (griechisch: logos) ist Fleisch geworden und wohnte unter uns“, dieser zentrale Satz aus dem Johannesevangelium durchzieht die Collage in vielen Sprachen. Um diesen roten Faden sind erbauliche und poetische Textfragmente aus der biblischen Überlieferung eingesponnen, Psalmen und Gleichnisse vom Säen und Ernten, von Quellen, Weinstöcken und Feigenbäumen - korrespondierend zur Bepflanzung der Beete inmitten der Wort-Architektur. „Die Kräuter bieten einander den Duft ihrer Blüten; ein Stein strahlt seinen Glanz auf den anderen, und jegliche Natur hat einen Urtrieb nach liebender Umarmung“, wird Hildegard von Bingen zitiert.

Das Christentum erscheint in dieser Auswahl nicht so sehr als eine Religion, die das Leiden verklärt. Der Schmerzensmann am Kreuz ist in dieser Collage nur eine Randfigur. Statt dessen zitiert sie den katholischen Theologen Eugen Biser mit dem Satz, Jesus sei „der größte Revolutionär“ in der Geschichte der Menschheit gewesen. Papst Johannes Paul II. ist mit einem Statement vertreten, wonach dem Arbeiter nicht nur Almosen zustehen, sondern das Recht auf eine persönliche Entwicklung, „wie er sie aufgrund seiner Würde als Mensch und Kind Gottes verdient.“ In ihren anmutigen Garten haben die listigen Landschaftsarchitekten eine sehr entschiedene Interpretation des Christentums eingebaut: Sie deuten es als Plädoyer für die universalen Menschenrechte, das - nimmt man es ernst - unter diktatorischen Verhältnissen zu politischem Widerstand ermutigt. In ihrer Collage steht ein Zitat des von den Nazis ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer direkt neben drei Strophen aus einem Rocksong der "Scorpions", der 1989/90 entstandenen Wende-Hymne „Wind of Change“. Auch der dem Christentum nicht sonderlich gewogene Goethe kommt zu Wort und der Lyriker Reiner Kunze mit einem sehr beruhigenden Gedicht für alle, die sich mehr der säkularen Aufklärung verpflichtet fühlen:

Einer - an gott zu glauben war ihm nicht
gegeben - steht
vor gott,
und gott, gewichtend
tat und leben spricht:
Ich bin mit dir zufrieden.

Der geschriebene Garten inszeniert die christliche Überlieferung als eine kulturelle Tradition, die nicht absolut gesetzt werden kann, wie das religiöse Fundamentalisten auch in unserem Kulturkreis oft genug getan haben. Man kann auch sagen: Er funktioniert als Relais zwischen religiöser Überlieferung und der ganz speziellen Gegenwart eines Erholungsparks, der in einer theologischen Wüste aufgeblüht ist und von einem multikulturellen Großstadtpublikum frequentiert wird. Der Garten ist Ruheplatz und zugleich ein Ort, an dem Botschaften so weitergegeben wird, dass man diesen Ort nicht beschwert, sondern gestärkt verlässt - so wie das schon beim chinesischen, koreanischen oder orientalisch-islamischen Garten funktioniert, unabhängig davon, ob man in einer christlichen oder moslemischen oder buddhistischen Tradition groß geworden ist. Ich vermute, alle Beteiligten sind sehr gespannt, wie dieses Angebot angenommen wird, ob ihr durchdachtes Konzept aufgeht. Und ich freue mich, dass alle heute Anwesenden im Sommer ganz bestimmt nach Berlin reisen werden, um zu erfahren, wie die hier erzählte, aber noch nicht zu Ende erzählbare Geschichte weitergeht.
Der geschriebene Garten

Ausstellung in der Architekturgalerie am Weißenhof, Stuttgart
10. Februar - 03. April 2011
Eröffnung mit einer Rede von Michael Bienert, Autor und freier Journalist in Berlin