Nur für Besserverdiener?

Derzeit hat das 40 Hektar große Gelände zwischen Hauptbahnhof und Nordhafen nicht einmal den Charme aufgelassener Hafenanlagen. Es ist nur laut vom Verkehr und ziemlich leer. Das soll sich ändern, hier ist die "Europa-City" geplant - warum sie nicht in der Regionalsprache Europaviertel oder Europastadt genannt wird, ist unerfindlich. Letzte Woche jedenfalls wurde in einer Galerie hinter dem Hamburger Bahnhof eine Ausstellung mit neuen Plänen für die Landschaftsplanung am Schifffahrtskanal und Nordhafen eröffnet. Das Berliner Büro Relais hat den international ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen. Wenn alles auch nur ansatzweise so ausgeführt wird, wie es fein gezeichnet wurde, darf man auf ein schönes neues Stück Berlin hoffen. Mit langen Perspektiven, klug arrangierten Wegen und Brücken für Fußgänger und Fahrradfahrer, leicht abgestuften Terrassen, die luftige Alster-Gefühle vermitteln, dem baumsatten Park am Nordhafen, ökologisch korrekten bambusbestandenen Regenwasserbecken. Kinder können auf der flach gefluteten Steinplatte am Stadthafen planschen. Sofern besorgte Eltern das erlauben, wenn die beim Macchiato das Urlaubs-Trekking in Tansania planen. Klar ist das ein übles, sozialneidisches, fieses, altmodisches Klischee. Nicht alle Bewohner der Europa-City werden aus Prenzlauer Berg herüberziehen (noch so ein Klischee). Aber es muss konstatiert werden: Selbst diese nutzeroffene Landschaftsplanung - die an beste Beispiele aus Kopenhagen oder Amsterdam erinnert - ist auch ein Teil des Marketings, der Werbung um Investoren. Es geht ja nicht nur um die "Aufwertung" des Heidestraßenquartiers. Der schöne Park am Nordhafen wird genau wie das neue Wohnviertel im benachbarten Wedding einen erheblichen Investitionsdruck und eine neue Gentrifizierungswelle auslösen; schon jetzt gehen dort Eigentumswohnungen weg wie warme Semmeln. Selbst Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sieht angesichts der Baupreise und der fehlenden Berliner Mittel für Sozialwohnungsbau keine Chance für eine wirkliche soziale Mischung an der Heidestraße. Allenfalls hofft sie, die Grundstückseigentümer dazu überreden zu können, auch Genossenschaften und kleine Baugruppen zu berücksichtigen. Damit können wenigstens gemischte Eigentums- und Wohnformen entstehen. Lüscher pries zu Recht die soziale und funktionale Mischung als das ganz spezifisch Berlinische. Henrik Thomsen von der Vicivo, dem größten Grundstückseigentümer, sprach hingegen von "vielfältigen Fassaden" und Architekturformen. Immerhin oder nur? - das muss die Kernfrage der kommenden Debatten sein.
Freiräume Europacity Berlin

Autor: Nikolaus Bernau
Beitrag: Nur für Besserverdiener?
Seite: 25, Feuilleton

Zeitung/ Zeitschrift: Berliner Zeitung, 18. Mai 2011