Außenanlagen Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Flucht, Vertreibung und Versöhnung kreisen um die Wahrnehmung von „Heimat“. Dieser Begriff ist eine Konstruktion, die durch kulturelle Referenzen geprägt wird. Sie bezieht sich auf politische, soziale, künstlerische, regionale und emotionale Vorstellungen. Insofern ist Heimat exterritorial - sie entsteht durch die kulturelle Übereinkunft sozialer Gruppen, verfügt aber nur selten über klar umrissene räumliche Grenzen.
Die Wahrnehmung von „Heimat“ schließt den Gedanken der Fremdheit geradezu ein. Denn was dem einen fremd erscheint, empfindet ein anderer als Heimat. Zugleich ist der Kontakt mit dem „Anderen“ eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich der Begriff von dem, was Heimat ausmacht, überhaupt schärft. Erst recht verändert sich der Blick auf die Heimat, vom Standpunkt des aus ihr Vertriebenen oder Geflüchteten. Aus zeitlicher und räumlicher Distanz heraus werden diese Sichtweisen nicht mehr aktualisiert, die Vorstellung davon gewinnen jedoch an Prägnanz. Das Heimatbild ist demnach stets etwas anderes als das, worauf es sich bezieht.
Heimat ist eine Marke. Sie ist ein Zugriff auf die reale Welt, die erst durch Verkürzungen in gesellschaftliche Diskurse einfließen kann. Trotzdem sind die mit diesem Begriff verknüpften Bedeutungen letztlich individuell; zumindest werden sie von persönlichen Schwerpunkten geprägt.
Heimat ist Leuchtschrift, die auf subtile und variable Werte verweist. Das Konzept für die Außenanlagen der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung sieht daher vor, deren Adresse im Stadtraum mit Heimaten kenntlich zu machen. Mit Heimat als Wort und als offener Referenzraum. Heimat wird in 14 Sprachen um das Deutschlandhaus als neuem Sitz der Stiftung und ihrer Ausstellung platziert.
Verwendet wird dabei eine Auswahl von 14 Sprachen der Nationen, die einen großen Anteil an der Migration nach Berlin haben. Diese 14 Schriftzüge sind analog zu den Logos von Tageszeitungen gestaltet, die das Bild eines Landes im In- und Ausland prägen. Ihre verschiedenen Typen zeigen die Ambivalenz des Fremden. Sie können inhaltlich unverständlich, doch dennoch typographisch vertraut sein und selbst in fremden Ländern ein Gefühl von Heimat erzeugen.
Diese Logos werden in Leuchtbuchstaben umgesetzt und auf Stahlstreben horizontal und vertikal der Fassade des Deutschlandhauses mit ihrem Schriftzug zugeordnet. Dieses Ausdrucksmittel setzt die Genese des Heimatverständnisses um und stellt zugleich einen Bezug zur Geschichte des Gebäudes her, dessen Erscheinungsbild in seiner Entstehungszeit stark von Leuchtreklame geprägt war. Damit wird die für diesen städtebaulich prägnanten Ort ursprünglich bestimmende Differenz zwischen der Tag- und Nachtwirkung der Architektur wiederbelebt.
Da das Deutschlandhaus architektonisch auf die Großstadtutopien des frühen 20. Jahrhunderts verweist, wird so auch die Frage nach der Heimatlichkeit der Großstadt aufgeworfen. Durch den Abstand, mit dem die Schriftzüge das Gebäude umfassen, erscheint dieses zudem als Geschichtszeugnis, dessen Quellenwert als langjähriger Sitz des Bundes der Vertriebenen in Bezug zu Bildverweisen gestellt wird. Durch diese museale Praktik wird das Umfeld des Deutschlandhauses jedoch nicht musealisiert, sondern als offener, architekturbezogener Freiraum ausformuliert, der klar zur Funktion des Gebäudes vermittelt.

Beschränkter Wettbewerb 2013, Zusammenarbeit mit Monika Goetz
3. Preis
Auftraggeber: Bundesanstalt für Immobilienaufgaben