T4 - Gedenk- und Informationsort für die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde

Die Gewalt, die von der Tiergartenstraße 4 um 1940 ausging, war an diesem Ort nicht sichtbar. Sie verbarg sich hinter einer reich ornamentierten bürgerlichen Fassade. Sie verbarg sich in Akten, Gutachten, Verwaltungsabläufen. T4 ist die Bezeichnung des Geschehens, das von diesem Ort koordiniert wurde und das auf die Lebenswege unterschiedlichster Menschen in verschiedensten Teilen Europas zugriff. Deren Abweichen von einer postulierten Norm führte dazu, dass ihr Existenzrecht anhand ökonomischer oder ideologischer Kriterien infrage gestellt wurde, was zur Rechtfertigung für den tausendfachen Mord an ihnen diente.
T4 ist eine Adresse. Das Konzept zielt darauf, diese Adresse kenntlich zu machen. Sie ist aus der Anonymität zu lösen und mit den hier verübten Verbrechen zu verbinden. Im Nordteil des historischen Gebäudegrundrisses wird dazu in eine leicht eingesenkte Fläche aus weißem Farbasphalt geschaffen, die diesen jedoch nicht dokumentarisch abbildet. Am Ort der zerstörten Villa Tiergartenstraße 4 sollen acht Linden, Hainbuchen und Eichen aus dem Untergrund wachsen. Sie winden sich durch den Bodenbelag und verbinden sich zu einem unregelmäßigen Hain. Diese Bäume sind auffällig, sie entsprechen der Normierung für Baumschulware nicht. Meist führt das dazu, dass ihnen positive Konnotationen - wie Würde, gesteigerte Individualität und ein ästhetisch bereicherndes Potential - zugesprochen werden. Die Äste dieser Bäume werden durch bronzene Krücken gestützt. Sie unterstreichen ihre Eigenart, doch schränken sie mit der Zeit auch ihren Wuchs ein.
Diese Bäume erhalten die Rolle von Erzählern. Aus ihren Kronen dringen wispernd und berichtend die Erzählungen über die Opfer der Aktion T4. Sie erzählen Lebensgeschichten, deren Schicksal verwaltungstechnisch mit diesem Ort verbunden ist. Dazu kommen die aus Akten und Briefen zitierten Zeugnisse der Täter. Auch in die Stützen sind Auszüge aus den Biographien der Opfer eingeätzt. Das Zuhören und Entziffern der Inschriften wird also zu einem kollektiven Prozess.
Konzeptionell wesentlich ist, dass diese Stützung ein Pflegebedürfnis auslöst. Die Bronzekonstruktion muss mit der Entwicklung der Gehölze immer wieder angepasst werden. Dieser dauerhafte Dialog bezeichnet die Übernahme von Verantwortung.

Gestaltungswettbewerb 2012, Zusammenarbeit mit KAPOK und Esther Shalev-Gerz
Auftraggeber: Land Berlin / Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
Größe: 1.050 qm